Den 5ten Mai 1840.
Gegen 4 Uhr Nachmittags kam Fiedlers Julius zu mir; wie ich ihn von ferne sah, ging ich ihm voll freudigerer Erwartung entgegen, aber wie erschrak ich, als ich den Sonnenschirm in seinen Händen sah, den ich früher Bertha geschenkt [hatte]. Der Abschiedsbrief, welcher die Geschenke begleitete, machte einen vernichtenden, zugleich aber doch einen entsagenden Eindruck auf mich, letzteres wegen der Nachricht, daß Bertha schon wieder Schlinkes Braut sei, und wegen der harten Anklage Bertha's, daß ich schuld sei an ihrer Gewissensunruhe, indem ich sie nicht darauf aufmerksam gemacht [hätte], welche Folgen ein solcher Schritt, wie ihre Trennung von Schlinke, nach sich ziehen könnte. Abends fragte ich Herrn Kook, was er Auffallendes in Herrn Fiedlers Hause am Sonntage bemerkt [habe], weil mir Herr Meyer schon gesagt [hatte], daß Herr Schlinke da gewesen sei; worauf er erwiederte, nichts Auffallendes hätte er bemerkt. Wie ich ihm nun vorwarf, daß ich auch an der Ächtheit seiner Freundschaft zweifeln müßte, und ihm mittheilte, welchen Brief ich von Bertha empfangen [hatte], so sagte er mir, daß er nicht allein Herrn Schlinke da gesehen [hätte], sondern daß ihm auch vor allen wieder von Bertha Kaffee serviert, daß er überhaupt sehr gut da aufgenommen gewesen sei, ja daß er beim Eintreten aus der kleinen in die vordere
( 276 ) große Stube Bertha und Schlinken allein zusammen gesehen [habe], und letzterer die erste liebkosend unters Kinn gefaßt habe.
Das alles zusammen genommen sollte vielleicht von Rechts Wegen das Urtheil über Bertha in mir hervor rufen, welches Br. Teichelmann und Herr Kook über sie fällen, und in Augenblicken, wo die Erinnerung an das Vergangene weniger lebhaft in mir ist, fühle ich mich beinahe dazu geneigt. Aber jene kennen Bertha nicht, wissen nicht, was für Mittel alle angewandt sind, mir ihr Herz zu entwenden und vermögen eben so wenig, daß sie sich ihrem alten Liebhaber nur allein dadurch gefällig machen kann, daß sie sich ihm ganz hin gibt und mich vernichtet. Ich kann nicht anders, als sie noch hochachten, demüthig Gottes gerechte Züchtigung über mich anerkennen und, meinen unersetzlichen Verlust beklagend, auf diejenigen die Schuld schieben, welche nie abgelassen haben, an ihr zu arbeiten. Nur das Eine thut mir leid, daß Bertha mir nicht offen und frei von vorn herein gesagt, daß ihre Gewissensunruhe sie wieder zu Schlinken triebe, und daß sie die Schuld ihrer Trennung von ihm, wenigstens theils, auf mich schiebt, so daß wir nicht ganz in Liebe von einander scheiden, und die Erinnerung etwas Unedles, fast möchte ich sagen, Gemeines für mich hat.
Vergib mir, allwissender Gott!, die Sünde, welche ich in diesem nun aufgelösten Verhältniß gethan haben mag, hilf mir wieder nüchtern werden und sei Du immer Trost und mein Frieden und meine einzige Freude.
( 277 ) Den 7ten Mai 1840.
Ich sandte heute meinen Knaben mit meiner Antwort auf Bertha's Brief nach Klemzig; sie war nicht zu Hause
gewesen, sondern war in der Stadt, und hatte, wie ich von Herrn Meyer erfuhr, Schlinke besucht.