Tagebuch Adelaide
August 1839 - Oktober 1839
hiezu mußte, sonderbar genug, ein kleines Fläschlein, das ich dicht bei Klemzig fand, mir passende Gelegenheit geben. Wirklich war Bertha von allen Bewohnern des Hauses allein zu Hause, nur war der Schulmeister [Friedrich Kavel](127) zugegen. Erstere war bei meinem Eintritt etwas verlegen, vielleicht ihrer Kleidungwegen, denn sie sagte bei meiner Frage, ob sie allein zu Hause sei, sehr geflissentlich ( 103 ) hinzu, sie selbst käme erst so eben aus dem Garten, andeutend, daß sie deshalb nicht geputzt sei; daneben war sie sehr freundlich, und wie ich ihr das erwähnte Fläschlein als Geschenk anbot, augenscheinlich erkenntlich. Sie eilte darauf in die andere Stube, während deß[en] ich mich setzte, mit halben Ohre die Erzählung des Schulmeisters anhörte und auf ein Mittel sann, meiner Bürde mich zu entledigen. Dies fand ich in einer Pfeife Taback; ich eilte in die Stube, in welche Bertha vor mir gegangen [war], und bat mir ein Dutzend Cigarren von ihr aus, während sie mir dieselben gab, zog ich meinen Brief heraus und gab ihn ihr mit den Worten, ihn zu lesen, wenn sie allein sei. Sie schien mich anfangs nicht zu verstehen, oder war zu verlegen, denn als ich anbrennen wollte und sie mir bereitwillig zuvorkommend Feuer holte, ließ sie den Brief auf dem Tische liegen.

Unterdeß[en] kam Herr Fiedler zur Thür der anderen Stube herein, ward jedoch glücklicher Weise so lange vom Schulmeister aufgehalten, daß ich Zeit gewann, Bertha aufs neue zu sagen, sie möchte den Brief lesen, wenn sie allein sei. Daß sie jetzt seinen Inhalt ahnete, bewies die Schnelligkeit, mit der sie ihn zu sich nahm und versteckte, zugleich ging ihre Verlegenheit daraus hervor, daß sie den Brief beim Einstecken zusammen knaupte. Bei allem diesen genoß ich unerwartete Freimüthigkeit und verlor um so weniger vor Herrn Fiedler die Fassung, als ich mit meiner Zigarre beschäftigt war, die ich bald darauf ohne Noth zum zweiten Male anzündete, indem sie noch brannte, als ich ihn fragte, ob seine Unpäßlichkeit ihn verlasse und Bertha sich gleich entfernte. Der Letzteren späterer Unbefangenheit glaubte ich, weissage mir nichts Gutes, allein ihre Aufmerksamkeit wog das wieder auf.

( 104 ) Ich wartete den ganzen Nachmittag auf eine Gelegenheit, ihr sagen zu können, wenn sie niemand sonst hätte, möchte sie mir durch Frau Rhen(128) eine Antwort schicken, allein sie ward mir nicht gegeben, indem Prudt(129) und der Schulmeister zugegen waren. Gegen Abend hackte der erstere Holz, und da er sehr ungeschickt dabei war, so nahm ich ihm die Axt, um zu hacken, fragend, für wen das Holz sei? und Bertha antwortete zu meiner Entzückung: "Für mich". Später aber bat sie mit gleicher Aufmerksamkeit, ich möchte doch aufhören. Als ich gehen wollte, war sie gerade nach Wasser gegangen, aber ich war entschlossen, nicht zu gehen, ohne mich ihr zu empfehlen, darum fragte ich Mathilden(130), wo sie sei; ich ging ihr entgegen und fragte sie, ob man noch über [den] Fluß kommen könne. Sie sagte ja, und zwar da und da, doch setzte sie hinzu, sie wisse nicht gewiß, ob das Brett noch daliege. Mich ärgert noch, daß ich sie nicht bat, mir das Brett zu zeigen, welches mir eine Gelegenheit gegeben haben würde, ihr von der

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