Tagebuch Adelaide
August 1839 - Oktober 1839
hoffte, schob ich es bis heute auf. Mir war sehr sonderbar zu Muthe, ich konnte nicht wissen, ob ich würde mein Anliegen zur Sprache bringen können, und wenn ichs könnte, so wagte ichs doch nicht, [auf] einen guten befriedigenden Ausgang zu hoffen, noch mochte ich einen übeln befürchten. So wanderte ich nach Klemzig; Bertha war die erste Person aus dem Fiedlerschen Hause, die ich erblickte. Ihre, wie mir schien, mehr als gewöhnliche Freundlichkeit, ließ mich eine gute Wirkung meines letzten Briefes erahnen und flößte mir nicht geringen Muth ein. Nachdem ich mein Geschäft besorgt [hatte], bat ich mir von meiner theuren Bertha ein Dutzend Cigarren aus und als sie mir dieselben gab, ergriff ich die Gelegenheit, sie zu fragen, ob sie meinen Brief erhalten habe. Sie antwortete ja und als ich weiter fragte, was sie dazu sage, antwortete sie erröthend: "Wenn es auf mich ankäme, so sollten Sie schon auf Ihren ersten Brief Gewißheit erhalten haben."

Natürlich fragte ich sogleich, auf was es denn sonst ankäme, und da erzählte sie mir ( 111 ) von [Daniel] Schlinke, der sich auf hinterlistige Weise und durch erbärmliche fremde Helfershelfer bei ihr einzuschmeicheln gesucht hat. Daß der Mensch keine Liebe empfindet, geht genugsam daraus hervor, daß er durch andere hat werben lassen, denn wahre Liebe würde ihm, auch unter den ungünstigsten Umständen, Kraft, Muth und Gelegenheit gegeben haben, sein Herz selbst zu eröffnen, aber freilich, wo kein empfindend Herz ist, da kann man auch nichts eröffnen. Dazu will ächte Liebe ihrer Natur nach gern geheim bleiben und sucht sich, außer vor der geliebten Person, gern zu verbergen.

Bertha sagte hiezu, daß weder sie, noch ihr Vater eine bestimmte Zusage gethan hätten, indem sie gesagt [habe], es käme auf ihren Vater an, und dieser, daß er, wenn es Gottes Wille wäre, nichts einzuwenden hätte. Ich sagte, daß sie also nicht gebunden und daß ihr Gewissen frei sei, sie stimmte dem bei und zum Beweis, daß ihr Herz entschieden mir geneigt sei, meinte sie, es wäre wohl das Beste, an Schlinke ohne Weiteres zu schreiben, daß er nicht zu hoffen habe, worin ich sie natürlich bestärkte.

Meine Briefe hatte Bertha gleich ihrem Vater gezeigt, ja letzter sagte mir, er hätte meinen ersten Brief gelesen, ehe ich weggegangen sei von Klemzig.

In meiner Unterhaltung, die ab- ( 112 ) sichtlich keiner von den Hausgenossen, wie mir schien, aber leider ein betrunkener Engländer nur zu sehr störte, äußerte sie manche Dinge, die ihre entschiedene Neigung zu mir verriethen und von denen ich manche vergessen, folgende aber behalten habe. Schon in Deutschland hätte ihre Mutter gesagt, die Töchter verheiratheten sich an die Missionare, auch ihre Schwester Mathilde hätte sie längst mit mir geneckt und was am deutlichsten sprach, Bertha zeigte mir das Lied Paul Gerhardts(128): "Jesu, allerliebster Bruder", und bat mich, namentlich vom 7ten Verse an zu lesen.

Nicht weniger als die genannten Äußerungen sprach auch folgende Bitte Bertha's: bis ich nach Encounter Bay ginge, so oft als möglich nach Klemzig zu kommen.

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