Tagebuch Port Lincoln
September 1840 – Januar 1845
um 10 Uhr Abends der Mond aufging, daß wir wenigstens die Küste sehen konnten. Kalt und des gleichgültigen Benehmens von Kilburn und dem Capitain überdrüßig ging ich zuletzt zu Bett, mich in den allmächtigen Schutz und gnädigen Willen Gottes ergebend.

Den 16ten September 1840.
Die Nacht über konnte ich wenig schlafen, um so fester war ich dagegen gegen den Morgen eingeschlummert. Um 7 Uhr weckte mich der Capitain mir der frohen Botschaft, daß wir in Boston Bai(021) hinein führen. Wie ich aufs Vordeck kam, war es das schönste Wetter, das man sich wünschen konnte und rechts vor uns lag Boston Insel(022), während sich zur Linken das Festland bis zur Spitze Donnington(023) erstreckte. Kurz nachdem wir um die letztere herum gefahren waren, erblickten wir in einer südwestlichen Bucht, der Bostoninsel gegenüber, den Europäischen Wallfischfänger "La Reunion". Die Bai wimmelte von winden Enten und andern Seevögeln; von den erstern schossen wir ihrer zwei, die aber trotz meiner Bemühung nicht zubereitet wurden. Um Mittag warfen wir in Boston Bai, etwa einen Büchsenschuß vom Ufer entfernt, Anker, der Wohnung des Dr. Harvey(024) gegenüber. Die Ansicht der ( 011 ) Bai überhaupt und namentlich des nördlichen Theil[s] derselben erschien mir überaus reizend. Das stille Wasser in derselben, die mäßig hohen, mit zahlreichen Schachtelhalmbäumen und frischem Grün geschmückten Hügel, die dasselbe umkränzen, und aus denen hie und da ein weißes friedliches Häuschen hervorschimmert, die einzelnen Menschen, die dann und wann anscheinend bedächtig und ohne die rennende Eile großer Städte am Ufer entlang gingen: alles schien sich mir zu vereinigen, Port Lincoln zu meinem angenehmen traulichen Wohnsitze für den Freund wahrer Naturschönheiten und ländlicher Stille zu machen. Die drei großen Wallfischfänger und die beiden Kutter, welche im Hafen vor Anker lagen, sicher vor den brausenden Wogen und heulenden Winden da draußen, gaben den Sinnen größere Lebhaftigkeit und vermehrten ihren Reiz.

Kurz nachdem wir vor Anker gegangen [waren], kamen Dr. Harvey und Herr Dutton(025) an Bord. Ersterem gab ich mein Empfehlungsschreiben vom Colonialsekretair, da er es aber ungelesen zu sich steckte, und im Begriff war, wieder ans Ufer zu gehen, so redete ich ihn darauf an, worauf er mich einlud, mit ihm ins Boot zu seinem Hause zu gehen. Während wir zurückruderten, redete mich Herr Dutton ( 012 ) mit der unerwarteten Frag an: "Sind Sie ein Deutscher, mein Herr?" Die Geläufigkeit, mit der er diese Worte sprach, veranlaßte mich, eine gleiche Anfrage an ihn zu richten, worauf sich ergab, daß Herr Dutton kein Deutscher von Geburt, aber in seiner Jugend in dem Städtchen Bückeburg(026) gebildet ist. Als wir ans Ufer stiegen, wartete unserer der Capitain von dem französischen Wallfischfänger "La Reunion", der durch die Feinheit seines Anzuges und seines Benehmens zugleich den gebildeten Mann, wie den Franzosen verrieth. Dr. Harvey beschäftigte sich die erste Stunde nach meiner Ankunft mit

Seite zurück
zur Gesamtübersicht "Clamor Wilhelm Schürmann"
Seite vor